Artickel und Kommentare

Was ist its-gratis.com?

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Eine kritische Betrachtung des Projekts „its-gratis.com“ aus Sicht eines Marktforschers.
von Oskar Korkman 28.5.2015

„its-gratis.com ist nicht nur der neuartige Versuch, mit Kunst Geld zu verdienen und das Problem von Kunst und Ökonomie zu lösen, es beschäftigt sich vor allem mit der Frage, was die Kunst heute wert ist, welche Konsequenzen das kostenlose Teilen, open source und so weiter für die Kunst haben… Oskar Lindström (den Rest der Projektbeschreibung kann man unter „Warum gratis?“ lesen)

Was genau ist its-gratis.com?
Oskar Lindström sagt, der Dienst löse das Problem mit der Wirtschaftlichkeit von Kunst.

Was, wenn es das nicht tut?
Vielleicht kann Oskar its-gratis.com für seine eigene Arbeit verwenden und auf diese Weise vielleicht ein Stipendium bekommen. Und so vielleicht seine wirtschaftliche Situation verbessern? Wichtiger ist, meiner Ansicht nach, dass its-gratis.com jedermann die Möglichkeit bietet, Kunst zu kaufen und am künstlerischen Entstehungsprozess teilzuhaben. Es handelt sich also um eine neue Art des Austauschs, aber eines Austauschs jenseits dessen, was wir normalerweise Ökonomie nennen.

Bietet its-gratis.com sonst noch etwas?
Der Shop ist ein Ort für den Austausch von realen Objekten, die Fotos werden auf Papier ausgedruckt, und man bekommt sie mit der Post nach Hause geschickt. Das ist heutzutage sehr radikal, die Fotos sind digital, sie bewegen sich durchs Internet und oft an uns vorbei. Es gibt Fotos, bei denen wir spüren, dass sie wichtig und stark sind, aber besteht die Gefahr, dass solche Fotos aussterben? Zumindest relativ gesehen wird die Zahl solcher Fotos kleiner. Wer weiß? Gleichzeitig kann man feststellen, dass wir immer größeren Wert auf das Physische legen während gleichzeitig das Digitale immer wichtiger wird. its-gratis.com bietet eine einzigartige Möglichkeit, die Flut einzudämmen, ein Foto auszusuchen und ihm einen Platz im eigenen Leben zu geben.

Was also ist its-gratis.com eigentlich?
its-gratis.com ist ein Experiment, das in einem Shop eine neue Form des Austauschs im Netz schaffen will, es ist kein traditioneller Markt, es ist ein Markt, der sowohl zurück als auch weit in die Zukunft blickt. Er konzentriert sich nicht auf den Austausch von Geld, sondern auf den Kreislauf von Objekten und Innovation. Es ist auch ein Test, was open source tatsächlich leisten kann, wenn man die Idee auf echte physische Objekte überträgt, das heißt auf ausgedruckte Fotografien.

Möglicherweise ist das interessanteste, dass ich nicht richtig weiß, was es ist oder was geschehen wird. Ich habe bisher noch nie etwas in so einem Shop gekauft.

Marktstratege & Explorer
Oskar Korkman


Die Kunstinstitutionen haben versagt

It’s gratis, sie ist gratis, die Kunst von Oskar Lindström. Das gefällt mir.
von Sebastian Bergholm, YLE, Finnland 16.6.2015 (läs artikeln på YLE)

Ich bin auf Lindströms Seite gegangen und habe drei Bilder von ihm bestellt. Eine Woche später waren sie bei mir zu Hause.

Häuser in Belgrad, schöne Pissoirs und ein Tier, das waren die Motive, die ich mir ausgesucht habe.
Um das Publikum und die Kunst zusammenzubringen hat Oskar Lindström ein System entwickelt, das da einsetzt, wo die Kunstinstitutionen des Landes versagt haben.

„Der Gedanke, die Verbreitung meiner Kunst zu maximieren, kam mir während meiner Studienzeit an der Kunstakademie in Nykarleby (Finnland), das war vielleicht 1995 oder 96“, erinnert sich Lindström, der derzeit in Deutschland lebt, in einem Email-Interview.

Die kostenlose Verbreitung über das Netz schafft eine Situation, bei der alle gewinnen. Der Künstler bekommt einen Namen, und er kann vielleicht später mit seiner Kunst Geld verdienen, durch den Verkauf der Bilder oder Stipendien, und die Leute bekommen Bilder, die sie zu Hause aufhängen können.

Inspiration aus der Spielewelt
It’s gratis ist ein (Öko)system, bei dem man über die Webseite des Projekts Fotos von Lindström bestellen kann.

Man wählt aus den hunderten von Bildern aus, was einem gefällt, und dann bekommt man einen Ausdruck nach Hause geschickt. Dafür muss man dann nur ein Foto des Bildes in seiner neuen Umgebung machen und es an Lindström mailen.

Das Grunderlebnis ist gratis, aber wenn man Ausdrucke in besserer Qualität haben will, dann kostet das.
Für ein besseres Erlebnis Geld zu verlangen, ist heute ganz üblich.

„Das ist in der Spiele- und App-Welt sehr verbreitet, und ich finde, man kann das auch gut in der Welt der Kunstimplementieren.“

Das Versagen der Institutionen
Lindströms Projekt ist auch eine kritische Reaktion auf das, was er als das Versagen der Institutionen bezeichnet, die es nicht schaffen, Kunst in großem Stil anzubieten, zu verbreiten, zu verkaufen und zu unterrichten.

Der (finnische) Staat hat beim Kunstunterricht versagt, denn er weckt kein Interesse für die Kunst, für das Andersartige, Unerklärbare und Unproduktive, als Gegensatz zum rationellen Denken, von dem unsere Kultur geprägt ist.

„Die (finnischen) Museen für Gegenwartskunst haben versagt, weil sie ängstlich sind, oder weil sie nicht wissen, wie man zwischen normalen (sog. elitistischen) Ausstellungen und kommerziellen, leicht zugänglichen Ausstellungen abwechselt, um neuen Besuchern die Schwellenangst zu nehmen.
Das führt dazu, dass die Museen und die Kunstrichtungen, die sie repräsentieren, als unproduktiv und gesellschaftlich unnötig angesehen werden.

Die Galerien (in Finnland) wiederum verlangen zu hohe Mieten von den Künstlern, und die Kunstausbildung, vor allem der Kunst-Universität und des Kunst-Studiengangs der Aalto-Universität schaffen es nicht, zu vermitteln, warum das, was sie unterrichten, ein wichtiger Teil der Gesellschaft und nützlich für sie ist.

Oskar Lindström will die Begegnung zwischen Kunst und Publikum einfacher machen, und er möchte zum Verständnis und zur Toleranz für Kunst beitragen.

Der Wert der Kunst
Auf der Webseite des Projekts findet man auch eine kritische Diskussion über das Projekt. Der Marktstratege Oskar Korkman bezweifelt, dass Lindström wirklich die ökonomischen Knoten der Kunstwelt lösen kann.

Er konstatiert, dass das Projekt eine neue Art von Austausch schafft, das heißt, neue Kunst entsteht, indem der Empfänger seine Fotos der erhaltenen Kunstwerke zurückschickt.

Dieser Austausch geschieht außerhalb der Ökonomie, und wichtig ist gerade Entstehen von etwas Neuem und das Zirkulieren von physischen Objekten, meint Korkman.

Die Frage nach dem Wert der Kunst ist zentral in Lindströms Projekt, und dieser Wert wird durch das Teilen geschaffen, nicht nur durch das Kaufen.

Genialität?
Das Projekt macht die Anwender zu Mitkünstlern, und in einer bildgesättigten Welt stellt sich auch die Frage nach der Position des Künstlers.

Ich denke, Lindström, der neben seinen Soloprojekten auch Mitglied in der Künstlergruppe FinnFemFel ist, will sich gegen den Geniekult, der in der Kunstwelt immer noch wichtig ist, stellen. Die Kunst soll zur Begegnung zwischen Künstler und Publikum werden.

Jeder, der ein Bild bestellt, bekommt eine Stecknadel auf einer Karte auf der Webseite, und je mehr Leute mitmachen, desto besser wird das Projekt. Das Kunstwerk braucht seinen Empfänger, erst dann ist es fertig.

„Da ich im Moment noch kein Künstlername bin, in den man investiert, fällt es mir natürlich leichter, das ökonomische Risiko auf mich zu nehmen und einen großen Teil meiner Kunst gratis anzubieten, um auf meine Ideen aufmerksam zu machen und zu sehen, ob das Projekt als Geschäftsidee funktioniert“, schreibt Oskar Lindström.

Lindströms Projekt will daran erinnern, dass die Kunst vielfältige Bedeutung für uns Menschen hat, gesellschaftlich, ästhetisch und als Nahrung für das Denken.

Die Erwartungen an die Ergebnisse des Gratis-Projekts sind offen, aber es besteht die Hoffnung, es in Ausstellungen und im Netz zu zeigen.

Sebastian Bergholm
Kulturredakteur, YLE, Finland